Buchvorstellungen

Der Perser – Alexander Ilitschewski

28. Juni 2020

Einen halben Kilometer vor Artjom wurde 1935 die weltweit erste Meeresbohrsonde in Betrieb genommen; die Bohrung erfolgte von einem geschweißten Stahlgerüst. Als ich Kind war, umgaben solche Plattformen die Insel zu Hunderten. Zumeist waren sie über viele Kilometer lange Förderbrücken mit dem Festland verbunden, doch gab es auch Bohrinseln, die nur auf dem Wasserweg zur Küste Kontakt hatten.

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Nun stand ich wieder da am Anfang zur Nordbrücke. Rostige Rohre liefen an mir vorbei; überall nickende Pumpen, die verschlissenen Antriebsriemen an den Pleuelstangen surrten. Obligatorisch neben jeder Pumpe eine Pfütze, die zu einem Viertel aus Schweröl bestand.

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Im Mittelpunkt dieses bildgewaltigen, enzyklopädischen Romanes steht ein junger Geologe, ein Erdölexperte. Geboren im heutigen Aserbaidschan, früher Sowjetunion, floh er mit seinen Eltern nach dem Zusammenbruch der SU nach Moskau. Als er dann alt genug war, wanderte Ilja nach Kalifornien aus.

Er arbeitet für einen großen internationalen Konzern. Ein neuer Auftrag lässt ihn in seine alte Heimat zurückkehren, nach Baku und der aserbaidschanischen Halbinsel Abseron am Kaspischen Meer. – Dem Standort der Ölförderung seit den Zeiten Nobels und den Rothschilds.

Ilja trifft seinen alten Freund Hasem wieder. Dieser ist nun Ornithologe, beschäftigt sich vor allem mit Falken im Naturschutzgebiet Schirwan nahe der iranischen Grenze. Außerdem ist Iljas Jugendfreund Künstler, Heiler – ein Derwisch.

Hasems Lebensweise, sich der Natur und der Spiritualität vollkommen hinzugeben, lässt Ilja an seiner eigenen Existenz zweifeln.

Die Halbinsel Abseron

Der Roman erzählt von einem islamischen Randgebiet in einer (offiziell) atheistischen Sowjetunion. Der Autor lädt zu ausufernden Exkursionen in die Geschichte Bakus und der Halbinsel Abseron. Vieles lässt sich aus diesem Buch erfahren: Erdölförderung; die Brüder Ludvig und Robert Nobel in Baku; das Geld der Rothschilds (1912 kauft der Royal Dutch Shell Konzern die Besitzungen des Bankiers Rothschild am Kaspischen Meer) …

Ab 1878 engagierte sich Ludvig Nobel zusammen mit seinem Bruder Robert in der von ihnen 1876 gegründeten Firma Branobel, einem Ölunternehmen in Baku, das unter seiner Führung zu einem der größten Unternehmen des zaristischen Russland aufstieg. Wichtige Erfindungen der Branche, wie die moderne Ölraffinierung, der Bau von Pipelines oder der Einsatz von Öltankern stammen von Ludvig Nobel. Der von beiden angelegte Park in Baku, die Villa Petrolea, kann heute noch besichtigt werden. 1890 kamen 40% der weltweiten Ölproduktion aus Baku. Durch den wirtschaftlichen Erfolg wurde Ludvig Nobel zu einem der führenden, innovativsten und reichsten Industriellen seiner Zeit.

wikipedia.de

Aber auch andere große Namen streiften die Geschichte der Erdölförderung auf Abseron: Der russische Ingenieur F. N. Semjonow entwickelte ein Schlagbohrsystem, der Chemiker und Entwickler des Periodensystems D. I. Mendelejew arbeitete an Destillationsverfahren (wikipedia) …

Es ist, als würde man mehrere Bücher mit einem Mal lesen: Ein bunter Flickenteppich aus Gegenwart, Vergangenheit, Natur, Geografie und Geologie.

Der Roman präsentiert sich wie ein Fotoalbum, gefunden auf einem verlassenen Dachboden, dessen Bilder von einem Land erzählen, von dem ich als Leser verwundert feststelle: Wieso wissen wir so wenig darüber?

Klappentext

Ilja, Geologe, Erdölexperte, Weltbürger, kehrt in die Heimat am Kaspischen Meer zurück, um seinen Freund Hasem wiederzufinden, mit dem er einst vom Paradies träumte. Er gerät in den Bann eines Menschen, dessen Lebensweise seine eigene Existenz in Frage stellt.

Mit seismographischem Gespür entfaltet der Autor eine Geopoetik des Kaspischen Raums: verlorener Garten Eden, historische Landschaft, in der einst die Weltreligionen zusammenfanden, heute eine in geopolitischer, sozialer und ökologischer Hinsicht höchst sensible Zone, deren Zukunft dem Westen bereits zu entgleiten beginnt.

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