Storys

Der moderne Weihnachtsmann – Eine Weihnachtsgeschichte

23. Dezember 2019

Es sind schon einige Jahre vergangen, als ich diese Geschichte über den Weihnachtsmann schrieb. Wieder steht das Fest vor der Tür, die Zeit der Heimlichkeiten erreicht ihren Höhepunkt.

Ich wünsche Frohe Weihnachten und viel Spaß beim Lesen (vielleicht auch Vorlesen) meiner kleinen Geschichte …

Der moderne Weihnachtsmann

Andreas Schneider

Vierundzwanzigster Dezember. Heute Abend wird das große Fest beginnen – Weihnachten. Der kleine Leon ist schon ganz aufgeregt. Wenn es doch schon so weit wäre! Welche Geschenke wird er bekommen? Ob sich der Traum von dem funkferngesteuerten Auto erfüllt?

Der Tag verstrich quälend langsam. Am liebsten würde Leon einfach ins Wohnzimmer gehen und nachsehen, ob schon Geschenke unter dem Weihnachtsbaum liegen. Sein Vater hatte ihm verboten, auch nur einen Fuß in den Raum zu setzen. Er meinte, man muss warten, bis der Weihnachtsmann seine Arbeit getan hat.

Leon hatte keine Geduld mehr. Zu lange hatte ihn die große Wanduhr verspottet.

„Pah, Weihnachtsmann!“, dachte er. „Es gibt ihn doch gar nicht!“

Sicher war er sich nicht. Doch hatte er von älteren Kindern gehört, dass der Weihnachtsmann nur gespielt wurde, meist von den Eltern. Er nahm allen Mut zusammen, ging langsam auf die Tür des Wohnzimmers zu. Ihm war, als würde die Klinke heute besonders schwer zu betätigen sein. Dann geschah es. Die Tür war offen.

Plötzlich fuhr Leon zusammen, fing an, am ganzen Körper zu zittern: Neben dem Weihnachtsbaum stand ein Mann, der einen langen roten Mantel anhatte. Der mysteriöse Fremde drehte sich um und sagte: „Du brauchst keine Angst zu haben.“

„Wer bist du?“ Leon hatte einen riesigen Kloß im Hals, würgte ihn hinunter.

„Der Weihnachtsmann.“

„Das glaube ich dir nicht! Du siehst gar nicht so aus!“

Er starrte den Fremden an, bevor er tief Luft holte und mit zittriger Stimme fragte: „Wo ist denn der dicke Bauch und der lange weiße Bart? Seit wann hast du einen Rucksack, in dem du die Geschenke trägst?“

Klaus, der Weihnachtsmann, war perplex. Er wusste nicht, was er dem Kleinen sagen sollte. Wie konnte er erklären, was mit ihm im Laufe des Jahres passiert war?

„Ich wollte nicht mehr so aussehen. Es glaubt ja doch keiner mehr an mich.“, sagte er nur schwach.

Leon ließ sich nicht einschüchtern. Er wollte seinen Vater rufen. „Weihnachtsmann!“, dachte er verächtlich. In dem Moment sagte der Alte: „Ich muss jetzt gehen.“, öffnete das Fenster und stieg hinaus. Leon rannte hinterher, sah, wie Klaus auf den von Rentieren gezogenen Schlitten stieg. Das Gespann fuhr an und hob plötzlich nach einigen Metern ab. Es fuhr einfach durch die Luft. „Ho, Ho, Ho … Fröhliche Weihnachten.“, rief der Alte und verschwand. Erst jetzt wurde Leon klar, was er gesehen hatte. Seine Augen fingen an zu leuchten: Der Weihnachtsmann war tatsächlich hier!

Hastig drehte er sich um, rannte zur Tür, doch auf halbem Wege stolperte er, wäre beinahe hingefallen.

Der Rucksack des Weihnachtsmannes lag noch auf dem Boden. Neugierig sah Leon hinein. Da lag eine kleine Schachtel. Was da wohl drin sein wird? Sollte er sie öffnen oder lieber nicht? Er ließ sie liegen, überlegte noch eine Weile. Schließlich siegte die Neugier. Er holte das Ding aus der Tasche und öffnete es. Ein Hauch von einem Wind, in dem sich tausende kleiner Sterne tummelten, entwich der kleinen Schachtel. Plötzlich hielten die Sterne inne, sammelten sich, bis sie ein durchsichtiges Wesen ergaben. „Ich bin der Geist der Weihnacht“, hörte sie Leon freundlich sagen. Ihm blieb vor Staunen der Mund offen stehen. „Wie kommt es, dass du mich rufst, nicht der Weihnachtsmann?“

„Er … ist ausgerissen.“, stotterte Leon.

„Ausgerissen? Was ist passiert?“, wisperten die Sterne verwundert.

Schnell hatte Leon gebeichtet, dass er einfach ins Wohnzimmer gegangen war.

„Der Weihnachtsmann hat sich also verändert“, sagte der Geist der Weihnacht sinnend und schwieg eine Weile. „Seltsam“, meinte er dann plötzlich.

Die Sterne begannen den Kleinen zu umhüllen und    schwups – schwebte Leon mit ihnen zum Fenster hinaus. Sie stiegen höher und höher und jagten dem Weihnachtsmann hinterher.

Aus einiger Entfernung konnte Leon zusammen mit dem Geist beobachten, wie der Weihnachtsmann aus einem Haus geworfen wurde. Er ist nicht erkannt worden. Man hatte ihn für einen Einbrecher gehalten. Tief betrübt wanderte der alte Mann nun durch die Straßen, stellte einfach seinen Rucksack voller Geschenke in einer Seitenstraße ab und lief davon.

„Wir müssen ihm helfen, sonst fällt Weihnachten in diesem Jahr aus.“, sagte Leon und sah den Geist erwartungsvoll an.

„Ja, aber wie?“ Beide waren in Gedanken versunken, als plötzlich der Geist der Weihnacht rief: „Ich hab´s! Das wird funktionieren!“ Er pfiff laut und der Schlitten mit den vorgespannten Rentieren erschien. Der Geist lenkte das Gespann so lange über die Stadt, bis sie den Weihnachtsmann entdeckten. Sie sammelten den alten Mann auf. Er jammerte deprimiert: „Stellt euch vor, aus zwei Häusern hat man mich geworfen, niemand hat mich erkannt! Was soll ich nun tun? Soll Weihnachten etwa ausfallen, nur weil ich glaubte, dass mich niemand akzeptiert? Das darf doch nicht sein!“

So klagte er immerfort, bis das Gespann am Nordpol, der Heimat des Weihnachtsmannes, ankam.

In aller Eile wurde eine Versammlung einberufen.

Leon saß neben dem Weihnachtsmann, schaute sich mit leuchtenden Augen um, während die Sterne des Geistes leise klirrend von dem Erlebten berichteten: Links hatten sich Zwerge versammelt. Einer hatte noch Nadel und Faden in der Hand, ein anderer einen Hammer. Sie waren wohl sofort hierher gekommen, hatten ihre Arbeit, die letzten Weihnachtsgeschenke zu basteln, stehen und liegen gelassen. Auch die Rentiere waren da, etliche Elfen und Feen ergänzten den Kreis.

Als die Sterne verstummten, murmelten alle durcheinander, sodass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Wie sollte da ruhig und vernünftig diskutiert werden? Die Sterne des Geistes wollten zur Ruhe mahnen, doch konnte man sie bei dem Lärm nicht hören. Zum Glück rief eines der Rentiere, das Einzige mit einer roten Nase: „Seid doch mal alle still!“

Jetzt könnte man eine Stecknadel fallen hören.

Alle waren schockiert, weil der Weihnachtsmann so anders aussah. So konnte das Fest nicht stattfinden. Einer der Zwerge, er hatte ein Pausenbrot in der Hand, erklärte: „Der Weihnachtsmann muss sofort viel und reichlich essen, damit er schnell zunimmt!“ Es gab zustimmendes Gemurmel unter den kleinen Handwerkern, bis eine der Feen rief: „Aber wie lange soll denn das dauern? Wir haben doch keine Zeit! Ich werde ihm ein Haarwuchsmittel herbeizaubern, damit wenigstens der Bart schnell wächst. Wo ist mein Zauberstab?“ Während sie ihren Zauberstab suchte, meinte Leon plötzlich: „Warum verkleidet ihr ihn nicht einfach? Die Menschen tun das doch auch. Keiner wird es merken. Ihr klebt ihm einfach einen künstlichen Bart an und stopft ein Kissen unter seinen Mantel. Er wird aussehen wie jedes Jahr und das Fest ist gerettet.“ Alle applaudierten dem kleinen Helden. Und sofort schritten sie zur Tat. Die Zwerge fertigten geschwind einen künstlichen Bart aus Watte, die Feen klebten ihn an und die Elfen schoben dem alten Mann ein Kissen unter den Mantel. Nun war der Weihnachtsmann perfekt.

Plötzlich hüllten die Sterne des Geistes der Weihnacht Leon ein. Er konnte nichts mehr sehen. Er hörte nur, dass er gerufen wurde.

„Leon … Leon …“ Der Kleine drehte sich, öffnete die Augen. Seine Mutter stand vor ihm. Verwundert sah sich Leon um: Er war auf dem Sofa, das gegenüber der Wohnzimmertür stand, eingeschlafen. Hatte er das wirklich alles nur geträumt?

Leon wurde von seinen Eltern ins Wohnzimmer geführt. Viele Geschenke lagen unter dem Weihnachtsbaum. Es duftete nach Weihrauch, im Radio liefen Weihnachtslieder. Plötzlich hörte Leon jemanden rufen: „Ho Ho Ho… Fröhliche Weihnachten.“

Er rannte, so schnell er konnte, hinaus. Dort sah er den Weihnachtsmann auf seinem Schlitten im Nachthimmel verschwinden.

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