Reise

Sherlock Holmes – Spuren in der Gegenwart

19. Oktober 2019

Fan des großen Logikers


Alles begann mit einem Buch, bestehend aus siebzehn Detektivgeschichten. Aufgelegt wurde diese Ausgabe für den Buchclub 65 (Verlag Neues Leben, Berlin, 1985). Als ich diese Geschichten las, war ich erst zehn Jahre alt.

Eigentlich war dieses Buch nicht für Kinder gedacht, doch zählte ich schon damals zu den Lesern, vor denen nichts sicher war, was irgendwie interessant aussah. Ich fieberte mit, jeder sich abzeichneten Lösung des Rätsels entgegen. Mich gruselten die beschriebenen nächtlichen leisen Pfiffe in einem Raum eines größeren Anwesens unweit von London, die darin gipfelten, dass eines Tages eine Leiche in einem von innen verriegelten Zimmer gefunden wurde („Das gefleckte Band“).

Souverän pirschte sich der Detektiv durch exakte Beobachtungen und Schlussfolgerungen an die Auflösungen der Rätsel. Diese Denkweise, die Freundschaft des Detektivs zu Dr. Watson das war und ist die Grundlage meiner Faszination der Figur Sherlock Holmes gegenüber.

Ich las weitere DDR- Ausgaben, die sich um den Detektiv drehten. Ich suchte andere, ähnliche Figuren der Literatur, landete bei Simenons Maigret, Agatha Christies Miss Marple, Hercule Poirot, Rex Stouts Nero Wolfe, begann Krimis mit politisch – gesellschaftlichen Untertönen zu lesen (Arkadi Adamow…; Sjöwall/ Wahlöö). Sie packten und faszinierten mich alle. Trotzdem blieb die in London lebende, Pfeife rauchende Romanfigur der Detektiv meiner Kindheit.

Nach der politischen Wende las ich alle Romane und Geschichten über Sherlock Holmes noch einmal, diesmal in neueren Auflagen. Einige Titel der Geschichten hatten sich geändert, sodass es schwer war, nur anhand der Überschriften zu erkennen, ob man diese Story schon kannte. Irgendwann begann ich, Sherlock Holmes Geschichten und die Romane in englischer Sprache zu lesen, was mir wiederum half, die Sprache besser zu verstehen.

So wurde ich zu einem großen Fan der Sherlock Holmes Figur, wie sie Sir Arthur Conan Doyle darstellte. Ich halte nichts von Darstellungen aus dem Fernsehen, die diese Figur in die Gegenwart transferieren, oder wie es in einer Serie geschieht, Holmes in einer amerikanischen Großstadt als Berater der Polizei arbeiten lässt. Ich möchte damit nicht zum Ausdruck bringen, dass diese Filme oder die Serie schlecht wären. Im Gegenteil, nur wäre eine Hauptfigur anderen Namens nötig gewesen.

Doch welche Spuren der originalen Romanfigur gibt es in der heutigen Zeit? Auf einigen meiner Reisen fanden sich da und dort Hinweise auf den berühmten Detektiv:

London, Baker Street 221b

Eine der ersten Adressen, die dem Leser der Sherlock – Holmes – Abenteuer einfallen wird, ist die Heimatadresse des Detektivs. Der Ausgangspunkt der meisten verzwickten Fälle, die Adresse, an die sich Klienten hilfesuchend wandten.

Ich befand mich einige Monate in London, beschloss, in meiner Freizeit jede Sehenswürdigkeit unter die Lupe zu nehmen. Doch als Erstes, bevor ich mir überhaupt etwas anderes ansah (egal wie bekannt der Tower oder Big Ben ist), zog es mich zu Sherlock Holmes, Baker Street 221b. Das Hotel, in dem ich wohnte, lag am Primrose Hill. Nach einigem Suchen in der elektronischen Ausgabe der Londoner City Map, entschied ich mich für den direkten Weg. Das bedeutete einen Spaziergang von etwa dreißig bis vierzig Minuten. Ich lief quer durch den Regent´s Park, vorbei am Zoo, über eine hölzerne Brücke – zwischen zwei Teichen gelegen – auf einen Ausgang des Parks zu. Jetzt blieb nur noch die Park Road zu überqueren und in die Baker Street hineinzulaufen.

Irgendwo hatte ich vor langer Zeit einmal gelesen, die Adresse Baker Street 221b soll eine Erfindung von Arthur Conan Doyle gewesen sein. Diese Straße war seinerzeit nur etwa halb so lang. Wie hat die Gegend früher ausgesehen?

Das sich hier befindliche Sherlock Holmes Museum ist täglich ab 9:30 Uhr geöffnet. Steigt man hinauf in das erste Stockwerk des Gebäudes, findet man sich im Arbeitszimmer, man kann es auch Wohnzimmer nennen, des Detektivs wieder. Alles wurde so gestaltet, wie es in den Storys zu finden ist. Sicherlich gibt es die eine oder andere Kleinigkeit, die sich der Leser etwas anders vorstellte. Das ist, denke ich, normal. Schließlich hat jeder seine eigene Fantasie. Ich vermisste zum Beispiel das kleine Kästchen auf dem Kaminsims, das eine vergiftete Feder enthält („Der sterbende Detektiv“). Auch die Schlafräume der beiden Hauptfiguren können besichtigt werden. In Watsons Zimmer befindet sich ein Sekretär, auf dem einige Notizen zum Fall „Der Hund von Baskerville“ zu finden sind.

Unweit der Underground Station Baker Street befindet sich eine Bronze – Statue, die Sherlock Holmes in nachdenklicher Pose, in die Weiten des Himmels starrend, krampfhaft seine Tabakspfeife haltend, für alle Zeit gebannt hat.

Auf dem Rückweg lief ich über den Camden Market. Jetzt war ich bereit, auch die anderen Sehenswürdigkeiten der Metropole auf mich wirken zu lassen.

Ein Pub in Aarhus (Dänemark)

Einen Hinweis auf Holmes Fangemeinschaft fand ich in Aarhus, Dänemark. Ich wanderte durch das Zentrum der Stadt, vorbei am ARoS Kunstmuseum (auf dessen Dach weithin sichtbar dieser farbige Rundlauf – „Regenbogenpanorama“ – installiert ist) und blieb zunächst vor dem Rathaus stehen. Das Gebäude, sicherlich aus den sechziger Jahren, erinnerte mich, der Bauart entsprechend, an die alten Egon – Olsen – Filme aus dem Fernsehen. Ich entschloss, eine kleine Gasse hinab zu gehen und stand plötzlich vor dem Sherlock Holmes Pub. Ein Überraschungseffekt, der mir ganz besonders gefiel. War Aarhus deshalb Kulturhauptstadt 2017, fragte ich mich augenzwinkernd.

Das Pub, erinnert in seiner Erscheinung an die altenglischen „publik houses“. Jedes Fenster trägt den Titel der Holmes – Romane („Der Hund von Baskerville“; „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“; „Eine Studie in Scharlachrot“). Geht man hinein, glaubt man der Detektiv hätte in einem seiner Sessel Platz genommen. Das Lokal erinnert an Holmes Wohn- und Arbeitszimmer.

Reichenbachfälle – Meiringen (Schweiz)

Diesmal war ich in der Schweiz unterwegs. Ich nahm mir die Zeit für einen Umweg zu den Reichenbachfällen. Hier stürzte Sherlock Holmes während eines Kampfes mit seinem Erzfeind Professor Moriarty ab („Sein letzter Fall“). Mit der Reichenbachfallbahn gelangt man relativ bequem hinauf zum Wasserfall.

Von hier aus gibt es einen Aufstieg zu einem Gasthaus oberhalb der Wasserfälle. Ich entdeckte einen Wanderweg, der mich weiter hinauf zur Schattenalb führte. Der schmale Weg hatte es in sich: steil bergauf führend, stellenweise den Abgrund im Blick. Dennoch lohnte sich die Wanderung. Nicht nur wegen der Wasserfälle und der Legende des sterbenden Detektivs, sondern auch wegen der Natur, der Ruhe. Oben angekommen, öffnete sich die Alb, kaum dass ich aus dem Wald heraustrat. Wiesen, Kühe, deren Glocken, die sie um den Hals trugen, die Gegend beschallte, traditionelle Holzhäuser. Ein Ort zum Verweilen, um sich zu verlieren.

Sicherlich gibt es weitere Hinweise auf die Romanfigur in der heutigen Zeit. Vielleicht treffe ich in Zukunft auch noch auf den einen oder anderen Ort der Fangemeinschaft des großen Detektivs. Ich werde davon berichten …

Links zum Thema:

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