Buchvorstellungen

Nacht in Caracas – Karina Sainz Borgo

5. Oktober 2019

„Ich hörte Schüsse. Wie am Vortag und am Tag davor und am Tag vor dem Tag davor. Ein Schwall Dreckwasser und Blei, der die Beerdigung meiner Mutter von den Folgetagen trennte. Am Schreibtisch neben meinem Zimmerfenster sah ich, dass die Wohnungen in den Nachbarhäusern dunkel waren. Der Stromausfall war in der Stadt das Übliche, und deshalb wunderte es mich, dass meine Wohnung im Gegensatz zu den anderen Strom hatte. Hier stimmt etwas nicht, dachte ich. Sofort machte ich die Schreibtischlampe aus. Da klopfte es dumpf bei Ramona und Carmelo in der Wohnung über mir. Möbel stießen aneinander. Stühle und Tische wurden verschoben. Ich rief an. Niemand antwortete. Draußen spielten Nacht und Chaos ihren eigenen Zapfenstreich. Das Land durchlebte dunkle Tage, wahrscheinlich die schlimmsten seit dem Föderalen Krieg.“

(Zitat Seite 35/ 1. Absatz)

Klappentext: Auf dem Friedhof von Caracas steht Adelaida Falcón allein am Grab ihrer Mutter und lässt die letzten Tage Revue passieren: Das Leiden ihrer Mutter im Krankenhaus aufgrund fehlender Medikamente, der Kampf, die Bestattung zu organisieren, in einem Land, in dem es so viele Tote gibt und das Geld nichts mehr wert ist. Früher wurde Adelaida von ihren Tanten mit Mangos und Maisfladen vollgestopft, heute gibt es nicht einmal mehr eine Packung Mehl. Als Adelaida gewaltsam aus ihrer Wohnung vertrieben wird, bleibt ihr kein Zufluchtsort mehr. Doch der Zufall bietet ihr die Chance, sich zu retten. Um den Preis, alles aufzugeben.

Meine Meinung: Selten habe ich einen Roman gelesen, in dem die düsteren Probleme eines Landes so detailliert und eindringlich dargestellt werden. Es ist von Angst und Ohnmacht jedes einzelnen Bürgers die Rede. Geld ist nichts mehr wert, es gibt „normale“ und „harte“ Bolivar. Der einzige Unterschied: Für die „harten“ Bolivar wurden einfach die vielen Nullen gestrichen. Kaufen kann man trotzdem nichts, selbst wenn etwas da wäre, was man kaufen könnte. Der Besitz von Devisen ist gegen Strafe verboten. Schüsse gehören zum Alltag, niemand traut sich auf die Straßen. Vom Staat geduldete, plündernde Banden treiben ihr Unwesen. Es zählt nur eins: Überleben.

Ich finde, diesen Roman sollte man unbedingt lesen, vielleicht sogar als Schulstoff in den Lehrplänen integrieren. Gegenüber den geschilderten Problemen sollten wir in unserer Welt abwägen, welche unserer Probleme zur Kategorie Luxus gehören und welche nicht.

  • ISBN: 978-3-10-397461-4
  • Verlag: S. Fischer
  • Aus dem Spanischen von Susanne Lange

Karina Sainz Borgo wurde 1982 in Caracas geboren und emigrierte vor mehr als zwölf Jahren nach Spanien. Ihre Verwandten leben weiterhin in Venezuela. Sie arbeitet als Journalistin in Madrid und schreibt für verschiedene Zeitungen und Blogs in Spanien und Lateinamerika. „Nacht in Caracas“ ist ihr erster Roman. (Umschlagtext)

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